Satellitentelemetrie

 

Von einem beringten Vogel erfährt man bei Rückmeldung meist nur den Beringungsort und den Fund-/ Ableseort. Da der Weißstorch ein auffallender und großer Vogel ist, werden 20 bis 25% der beringten Vögel zurückgemeldet. Ein besenderter Storch kann hingegen lebenslang hunderte bis tausende Aufenthaltsorte liefern. Ein deutscher Storch konnte zwischen August und Mai des Folgejahres 1400 mal über Satellit geortet werden.

In Deutschland wurde die Satellitentelemetrie ab 1988/89 seitens der Forschungsstelle für Ornithologie der Max-Planck-Gesellschaft Vogelwarte Radolfzell vorbereitet und in Gemeinschaftsarbeit mit dem Storchenhof Loburg auch angewendet.

 

 

Ein Sender auf dem Storch sendet Radiowellen aus, die von Satelliten empfangen und an Bodenstationen weitergeleitet werden. Die Satelliten kreisen in 850 km Höhe in polaren Umlaufbahnen um die Erde und können Signale von sämtlichen Orten auf der Erdoberfläche aufnehmen. Aufgrund des Dopplereffektes kann die Distanz zwischen den einzelnen Satelliten und dem Sender ermittelt und so der Sender lokalisiert werden, bei guten Verhältnissen bis auf 150 m genau. Die Signale werden von den Satelliten erhaltenen Informationen verarbeitet und an die Forschungsstationen weitergegeben.

 

Die Verfolgung per Satellit gibt genaue Angaben über:

  • Abflugdatum der Tiere vom Geburts- oder Brutort sowie Ankunftsdatum an den Rastplätzen und im Winterquartier

  • Flugroute, Tagesetappen und Fluggeschwindigkeit

  • Rastdauer, Lage der Rastplätze, Überwinterungsplätze

  • Verbleib der Jungvögel in den ersten beiden Lebensjahren

 

 

Für die Besenderung von Weißstörchen werden Sender mit einem kleinen Solarkollektor und einem Gesamtgewicht von 36g verwendet

 

Ein Datensatz von der Bodenstation sieht wie folgt aus:

14559 Date: 30.07.03 19:30:38  LC:  1  IC: 50

Lat1: 51.003N  Lon1:  4.483 E  Lat2:  45.733 N  Lon2:  28.114 W

Nb mes:  006  Nb mes >-120 dB:  000  Best level:  -126 dB

Pass duration:  379s  NOPC:  3

Calcul freq:  401 653408.1 Hz  Altitude:  80m  00 06 61 01

 

und beinhaltet folgende Informationen:

Codenr. d. Senders;  Datum u. Uhrzeit (Greenwich Mean Time);  ; Empfangsqualität

zwei berechnete Koordinaten

Anzahl empfangener Signale; Anz. Signale >120dB; bester Empfang in dB

Kontaktdauer Sender-Satellit; Anzahl durchlaufener Tests

berechnete Frequenz; Höhe d. Senders in m

 

 

„Alltag“ einer Exkursion quer durch Osteuropa und die Türkei oder Tagesablauf bei der Zugbegleitung besenderter Weiß- und Schwarzstörche

 

Zusammenfassung: Die Begleitung von mit Minisendern ausgestatteten Weißstörchen auf dem osteuropäischen Zugweg von Loburg (Sachsen-Anhalt, Deutschland) bis an die türkisch-syrische Grenze ist ein expeditionsartiges Unternehmen. Aus eigenem Erleben schildert der Autor den abenteuerlichen "Alltag" einer solchen physisch und psychisch äußerst anstrengenden Forschungsreise.

Text: Fabian Groh, in: Chr. und M. Kaatz (Hrsg.): 6. und 7. Sachsen-Anhaltischer Storchentag, Tagungsbandreihe des Storchenhofes Loburg, 1999.
Im Rahmen eines Forschungsprojektes in Zusammenarbeit mit dem Storchenhof Loburg wurden einige Jahre lang Weiß- und auch Schwarzstörche mit Telemetriesendern versehen, um mehr über die Reise der Störche auf Ihrem Weg von Deutschland bzw. Polen durch Osteuropa und den Nahen Osten nach Afrika zu erfahren.
In diesem Rahmen fanden jeweils zur Zugzeit der Störche im Frühjahr und Spätsommer Expeditionen statt, auf denen die mit Sendern ausgerüsteten Störche aufgesucht und ihre Zuggruppen beobachtet wurden. Im September 1996 und im Frühjahr 1997 hatte ich die Möglichkeit, an zwei solcher Expeditionen teilzunehmen.

In einem Kleinbus brachen wir vom Loburger Storchenhof zu dritt oder viert auf, für unbestimmte Zeit mit den Störchen zu reisen. Da der ganze Bus mit Funktechnik zur Ortung der besenderten Tiere und mit anderen Ausrüstungsgegenständen wie Kameras, Spektiven und Ferngläsern, Bestimmungsbüchern, Gläsern z.B. für Gewöllproben u. ä. gefüllt war, blieb nicht viel Platz für Kleidung und persönliche Dinge. Auch waren wir gezwungen, für die Zeit der Expedition im Auto zu wohnen, da wir fast rund um die Uhr unterwegs waren. Während die Störche sich am späten Nachmittag einen geeigneten Rastplatz suchten, um Nahrung aufzunehmen und zu nächtigen, begann für uns Zugbegleiter der Tag abends um 20 Uhr mit einem Telefonat nach Deutschland zum Storchenhof.

Dort waren im günstigsten Fall wenige Minuten zuvor die Koordinaten der Rastplätze, auf denen die „Senderstörche“ gelandet waren, eingetroffen. Diese wurden von Storchenhof-Mitarbeitern via Datenautobahn aus dem Europäischen Satellitenzentrum in Toulouse (Frankreich) abgerufen. Durch den Anruf erfuhren wir also auf welchem Längen- und Breitengrad die verschiedenen Tiere standen, und konnten, nachdem wir auf den Landkarten den ungefähren Ort ausfindig gemacht hatten, gegen 20:30 Uhr aufbrechen.
Oft gab es um diese Zeit jedoch nur ungenaue Koordinaten. Das bedeutete für uns schlafen, da wir dann in den Morgenstunden weniger Zeit hatten. Auf dem Storchenhof bedeutete dies eine schlaflose Nacht, denn wir telefonierten dann ca. aller zwei Stunden, um zu sehen, ob die Satelliten inzwischen bessere Koordinaten geliefert hatten. Sobald wir eine Koordinate mit einer Genauigkeit von ca. 10 km hatten, ging es los durch die Nacht, meist waren es mehrere hundert Kilometer bis zum nächsten Storch. Zuerst auf Fernstraßen, dann auf Landstraßen näherten wir uns der Koordinate. Einer von uns saß am Steuer, ein anderer navigierte mit Landkarte unterstützt vom Satellitennavigationsgerät und sagte dem Fahrer die Richtung an: „In vierhundert Metern kommt eine Kreuzung, wir fahren rechts nach 240 Grad.“ Nebenbei hatte der Navigator noch Kopfhörer auf und lauschte meist stundenlang, ob wir mit den auf dem Autodach befestigten Antennen schon ein Signal vom Sender empfangen.

Da die Störche sich bei Sonnenuntergang möglichst auf Bäume stellen, um während der Nacht vor Feinden geschützt zu sein, konnten wir die Signale der Sender in diesen Fällen schon aus einigen Kilometern Entfernung wahrnehmen.

Einer oder zwei von uns konnten bis zum Wechsel auf dem Fußboden oder Rücksitz schlafen, wenn das bei den Straßenverhältnissen möglich war.
Mit unseren Antennen fielen wir natürlich überall auf. Das bedeutete besonders in Grenzgebieten und in der Türkei, dass man immer wieder von der Polizei aufgegabelt wurde und sich erklären musste. So wurden wir zeitweise täglich verhaftet, oder Beamte bewachten uns nachts mit ihren Streifenwagen. Das war immer noch besser, als überfallen zu werden, was auch vorkam.

 

Wenn wir keine Grenzen zu passieren hatten, war es meist gegen 1 Uhr morgens, als wir ein erstes Signal empfingen. Dann hatte der Navigator auch noch Sorge zu tragen, dass wir das Signal nicht wieder verlieren. Aller 70 Sekunden empfingen wir dann einen kurzen Piepton. Der Navigator hörte auf jedem Ohr eine andere der beiden Richtungsantennen ab, und konnte sagen, woher das Signal am stärksten zu empfangen war. In diese Richtung wurde dann ein einigermaßen fahrbarer Feldweg gesucht. Da von den betroffenen Ländern oft nur sehr grobe Landkarten existieren, näherten wir uns meist nur sehr langsam dem Rastplatz Vom ersten empfangenen Signal vergingen häufig 3 und mehr Stunden, bis wir der Zuggruppe des Senderstorchs so nahe gekommen waren, dass wir die Störche beobachten konnten, wenn sie beim ersten Dämmerschein ihren neuen Tag begannen.

Dieser besenderte Jungstorch überraschte uns mit einem besonderen Nachtquartier: Er stand allein und ohne Zuggruppe bei Vollmond auf einer Kieshalde.

Bis dahin war manchmal sogar noch die ein oder andere Stunde für den Nachtschlaf, wenn alles geklappt hatte, oft waren wir aber erst mit der Dämmerung auf dem Rastplatz, und begannen sofort mit den Beobachtungen. Je nach Größe der Zuggruppe (100, 300, selten trafen wir bis 1500 Störche an einem Rastplatz) war es möglich, den besenderten Storch herauszufinden. Die Senderdaten (Spannung der solarbetriebenen Akkusender, Sendezyklus u. ä.) wurden decodiert und auf dem Computer zur Auswertung aufgezeichnet.

Wenn wie auf diesem Rastplatz in der Zentraltürkei keine Bäume vorhanden waren, stellt Storch sich nachts gern mit den Füßen ins Wasser, um sich auf diese Weise vor Feinden zu schützen. Aus den Niederungen heraus konnten wir die Sendersignale natürlich weit schlechter empfangen. Dieser Rastplatz wurde zeitgleich von Weiß- und Schwarzstörchen genutzt und begegnete und auf den Expeditionen recht häufig.

An den Rastplätzen hatten wir alle Hände voll zu tun: Die Anzahl der Tiere musste festgestellt werden, Nahrungsaufnahme-Frequenzen wurden gemessen, Nummern beringter Tiere mussten mit dem Spektiv abgelesen werden, ... Frühstück war Nebensache. Zwischen 9 und 10 Uhr war dann die Zeit gekommen, und die Störche erhoben sich in den Himmel. Das bedeutete noch konzentriertere Beobachtungstätigkeit, um die fliegende Gruppe in der Luft so lange wie möglich zu beobachten, ehe sie im Dunst verschwanden. Diese Beobachtung der fliegenden Störche dauerte etwa ein bis anderthalb Stunden an. Die genaue Abflugrichtung wurde festgehalten. Wenn die Zuggruppe durch das Spektiv nicht mehr zu erkennen war, wurde der Rastplatz untersucht: Bodenproben, Gewölle, Fotos, Vegetationsanalysen wurden gemacht, die genauen Koordinaten aufgenommen, der Rastplatz kartiert...
Darüber verging der Vormittag und die Mittagsstunden. Wir verließen dann den Rastplatz in Richtung auf die nächste größere Ortschaft, suchten eine warme Mahlzeit, einen Krämer, bei dem wir unsere Vorräte wieder auffüllen konnten und ein Telefon für den Abend, um die Suche von Neuem zu beginnen.

Natürlich lief das nicht alles so glatt ab, wie es sich hier liest. Im Frühjahr 1997 dauerte die Expedition etwa 7 Wochen lang, weil der Winter in der Türkei nochmals zurückgekehrt war, und die Störche zwang, längere Zeit südlich zu verweilen. Für uns bedeutete das bei Minusgraden im Auto zu schlafen, morgens das Eis innen von den Fensterscheiben zu kratzen, und mit den Störchen um die Wette zu frieren.
Wichtig war, jeden Tag einen Rastplatz zu finden, um die Motivation auf der körperlich und geistig äußerst anstrengenden Expedition zu erhalten. Wenn zwei Senderstörche nahe beieinander rasteten (in weniger als 200 km Entfernung voneinander), kam es vor, dass wir ein Expeditionsmitglied nachts um 3 Uhr mit einem Teil der Ausrüstung und Verpflegung für einen Tag am ersten Rastplatz absetzten, und dann eine weitere Zuggruppe suchten, um am folgenden Nachmittag das ausgesetzte Expeditionsmitglied wieder einzusammeln.
Über den ganzen Tag wurden Wetterbeobachtungen durchgeführt, um abschätzen zu können, wie weit die Störche an diesem Tag ziehen.

Der Storch lebt nicht vom Frosch allein, sondern auch von Regenwürmern, Mäusen und Käfern, wie sie - wie hier zu sehen - bei Feldarbeiten zutage treten.

Wenn aufgrund der Entfernung der anderen Tiere nur ein besenderter Storch für uns in Frage kam, versuchten wir am Tag, an einen günstigen Ausgangspunkt (z.B. eine Fernstraßenkreuzung) zu gelangen, damit wir in der Nacht möglichst wenig zu fahren brauchten. Auf diese Art und Weise begleiteten wir die Störche auf ihrem Herbstzug von den heimatlichen Horsten in Mitteldeutschland bzw. Polen bis zur türkisch-syrischen Grenze, wo wir kehrt machten. Im Frühjahr erwarteten wir sie dann dort, um sie auf ihrem Rückweg von Afrika widerzutreffen, und sie zu ihren Brutplätzen zu begleiten.